Zum Inhalt springen

Okinawa und die Entwicklung des modernen Karate

Der Ursprung des heutigen Karate liegt in Okinawa. Die Inselgruppe umfasst rund 160 Inseln und liegt etwa 500 Kilometer von Kyushu (japanische Hauptinsel), etwa 600 Kilometer von Taiwan und etwa 800 Kilometer vom chinesischen Festland entfernt. Bis heute sind alle okinawanischen Inseln größtenteils mit tropischem Dschungel bedeckt.

Die ersten belegbaren Kontakte Okinawas mit China fanden in der Sui-Dynastie (560 bis 618) statt. Der chinesische Kaiser Yang Chien entsandte im Jahre 605 eine Expedition nach Okinawa, wo er das Geheimnis der Unsterblichkeit und neue alchemistische Verfahren Gold zu gewinnen zu finden hoffte. Der Kaiser hatte erfahren, dass im ostchinesischen Meer das „Land der glücklichen Unsterblichen” (Okinawa) liegen sollte, auf dem der „Pilz der Unsterblichkeit” wuchs. Im 10. und 12. Jahrhundert fanden in Japan unzählige Machtkämpfe zwischen Clans statt. Okinawa bot sich während dieser Zeit als Zufluchtsort für Mönche aus China bzw. Flüchtlinge aus ganz Asien an. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich während dieser Zeit, das auf Okinawa ausgeübte Okinawa-Te mit dem aus China stammenden Quan Fa vermischt hat. Das ursprüngliche Okinawa-Te hatte mit dem späteren Tode (übersetzt China Hand) nicht mehr so viel gemeinsam. Im Gegensatz dazu beinhaltete das ursprüngliche Okinawa-Te weder Philosophie noch Ethik. Der einzige Zweck des Systems war die Selbstverteidigung. Im Jahre 1393 schickte der chinesische Kaiser 36 chinesische Familien nach Okinawa. Unten den Gesandten waren auch einige Experten für Kempo.

Die fruchtbaren Beziehungen zu China führten 1406 dazu, dass Bunei mit dem Segen Chinas als offizieller König Okinawas anerkannt wurde. Er besaß aber nicht das notwendige Fingerspitzengefühl die Fürsten unter sich zu einen. So gelang es im Jahre 1416 Hashi die Unruhen in den Provinzen auszunutzen und seinen Vater auf den Thron zu haben. Der neue König von Okinawa, genannt Sho Shin schafft es letztendlich, die immer wieder aufkeimenden Unruhen auf den Inseln zu unterbinden. Um weitere zu vermeiden Untersagte er, 1477 das Tragen von Waffen jeglicher Art. Das einfache Volk war durch das neu eingeführte Waffenverbot der Willkür von Beamten und Samurai hilflos ausgeliefert. Sie konnten sich auch nicht gegen Räuber verteidigen. Durch dieses Waffenverbot erfreute sich das Okinawa-Te immer größerer Beliebtheit und wurde rasant weiterentwickelt, da zu dessen Ausführung keinerlei Waffen nötig sind und es deshalb im Alltag häufig Anwendung fand. In diesem Zusammenhang reisten viele Meister des

Okinawa-Te nach China um sich im Training des chinesischen Quan-Fa

weiterzubilden.

Da Okinawa sich im Jahre 1592 und 1597 bis 1598 geweigert hatte, an dem

Krieg zwischen Japan und Korea teilzunehmen, nahm Japan das als Anlass

für einen Überfall auf die Insel. 1609 besetzte der japanische Satsuma-Clan

die Ryukyu Inselkette mit einer Armee von 3000 Samurai. Der japanische Satsuma-Clan

verschärfte das Waffenverbot genannt Katanagari (Jagd nach

Schwertern). Jegliche Klingenwaffe wurde eingesammelt. Das ging so weit,

dass in jedem Dorf nur ein Messer vorhanden sein durfte, das mit einem Seil

an dem Brunnen des Dorfes befestigt- und streng bewacht wurde.

Die Samurai hatten das Recht die Schärfe ihrer Klinge an Leichen, Verwundeten oder auch an Bauern zu überprüfen. Dies steigerte die Notwendigkeit für die Bauern Okinawa- Te zu praktizieren, denn die Samurai waren erbarmungslos. Das Leben eines niederen Bauern, war ihnen nichts wert.

Zwanzig Jahre später reagierten die großen Meister des Okinawa- Te darauf,

indem sie sich zu einem geheimen Bund zusammenschlossen. Darin legten

sie fest, dass Okinawa- Te nur noch im Geheimen ausgeübt werden sollte

und es auch nur noch an sorgfältig ausgewählte Personen weitergegeben

werden durfte. Parallel dazu entwickelte sich das Kobudo. Die Bauern lernten sich mit Alltagsgegenständen wie z. B. Dreschflegeln, Wanderstöcken, Heugabeln oder Sicheln, mit denen sie normalerweise Reis ernteten, gegen ihre Unterdrücker zur Wehr zu setzen.

Da es logischerweise sehr schwer war, sich mit Arbeitsgeräten gegen einen voll ausgerüsteten Samurai zu behaupten, entwickelte sich im Kobudo und Okinawa-Te (beides war sehr eng miteinander verknüpft) der Grundsatz, wenn sich eine Gelegenheit im Kampf ergibt einen Treffer zu setzen, muss dieser Schlag für den gegnerischen Samurai tödlich sein. Dieses Prinzip ist bis heute das Grundprinzip des Karate. Die heute noch geübten, aber eher untergeordneten gesprungenen Fußtechniken entwickelten sich aus dem Aspekt heraus, einen berittenen Samurai vom Pferd treten zu müssen. Die große Effektivität des Okinawa-Te hatte zur Folge, dass die japanischen Besatzer diese Kampfkunst verboten und jeden, der es in irgendeiner Form ausgeübt hatte hart bestraften. Trotzdem wurde Okinawa-Te weiterhin im Geheimen trainiert. Da man keine Möglichkeit mehr hatte, die Techniken und Prinzipien dieser alten okinawanischen Kampfkunst straffrei zu dokumentieren, verließen sich die Ausübenden auf die mündliche Weitergabe, beispielsweise vom Vater zum Sohn. Damit Außenstehende keine Möglichkeit hatten, zu erkennen, wie die effektiven Techniken funktionierten, entwickelten die Meister ein verschlüsseltes Technik-System. Sie fassten mehrere Kampftechniken zu festgelegten Abläufen zusammen. Diese festgelegten Abläufe sind heute fester Bestandteil aller traditionellen Kampfkünste, japanisch wie chinesisch und werden Kata genannt. Diese Katas mussten so aufgebaut sein, dass sie für einen, der nicht eingeweiht wurde, keinen Sinn ergaben. Dazu nutzte man traditionelle Stammestänze, die den Aufbau der Kata maßgeblich beeinflussten. Hierbei ergab sich das festgelegte Schrittdiagramm (Embusen). Das Verbot von Okinawa-Te später Kara-Te (chinesische Hand) in Okinawa gab es bis 1903.

1875 wurde Okinawa als Folge der Meji-Restauration offiziell ein Teil

Japans.

1904 führte Meister Anko ltosu an mehreren Schulen und Universitäten

Japans das Okinawa-Te ein.

1905 wurde Karate an der Shurijiro-Grundschule eingerichtet, andere

Schulen folgten kurz darauf.

1923 wurde Karate an der Polizeiakademie zur Selbstverteidigung eingeführt.

1936 wurde die Aussprache des Zeichens Kara-Te von „chinesische Hand” in „leere Hand” geändert. Dies hatte verschiedene Gründe, zum einen wollte man den Ursprung der Kampfkunst aus China verheimlichen, zum anderen war man gewillt, den

philosophischen und ethischen Teil stärker zu betonen. Zusätzlich wurde Do (übersetzt der Weg) an den Namen heran gehängt, es wurde also Karate Do (Der Weg der leeren Hand) daraus.

1922 reiste Gichin Funakoshi zusammen mit Choki Motobu, nachdem der japanische Thronfolger eine Karatedemonstration auf Okinawa besucht hatte, nach Tokio und Osaka, um Karate der Öffentlichkeit vorzustellen. Funakoshi ließ sich in Japan nieder und begann dort, anfangs in sehr ärmlichen Verhältnissen, Karate zu unterrichten. Es folgten noch mehr Meister aus Okinawa, um ihre Stilrichtungen des Okinawa-Te weiterzugeben.

Gishin Funakoshi änderte die Namen vieler Katas (er gab ihnen japanische Namen) und der Kunst selbst (zumindest auf der japanischen Hauptinsel). Dies war erforderlich um Karate von der japanischen Budo Organisation „Dai Nippon Butokai“ anerkennen zu lassen. 1931 war es dann soweit, Karate wurde offiziell von der „Dai Nippon Butokai“ anerkannt. Die „Dai Nippon Butokai“ wurde 1895 in Japan eingerichtet und wurde von Japans besten Kampfkünstlern geleitet. Teil der Aufnahmebedingungen waren unter Anderem die Forderung nach einer einheitlichen Uniform und einem einheitlichen Graduierungssystem. Nach der Anerkennung die „Dai Nippon Butokai“, wurde Karate in Japan immer populärer. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auf Okinawa eine der wichtigsten US-Militärbasen errichtet. Die dort stationierten Soldaten waren von Karate absolut begeistert. So kam Karate auch in die Vereinigten Staaten. Darüber hinaus wurden verschiedene Meister beauftragt ihre Kampfkunst in der Welt zu verbreiten. So kam Karate unter anderem auch nach Europa. Die breite Masse erreichte Karate aber erst mit den amerikanischen Kampfkunstfilmen in den 1960er und 1970er Jahren. Karate wurde so auch zu einem Synonym für alle schlagbasierten, asiatischen Kampfkünste. Karateschulen schossen weltweit aus dem Boden wie Pilze und adressierten damit nun auch die Menschen, die mehr an den sportlichen Aspekten interessiert waren. Dennoch kamen die Leute, die sich für die Philosophie und die Kunstinteressierten nicht zu kurz.

In der heutigen Zeit ist es in der Regel nicht mehr notwendig eine Kampfkunst zum Schutz des eigenen Lebens zu erlernen. Wir haben einen starken Rechtsstaat der Gesetze durchsetzt. Deshalb sind die philosophischen und die sportlichen Aspekte des Karate immer weiter in den Vordergrund getreten. Funakoshi hat damals bereits damit angefangen, Karate an japanischen Schulen im Schulsport zu unterrichten. Die zweifelsohne effektiven Übungen zur Stärkung und Flexibilisierung der Gliedmaßen sind eine tolle Sache und heute ein starker Grund für Karate.

Im sogenannten „Sportkarate“, damit meint man in der Regel das heutige Shotokan Karate bzw. sein Schwestersysteme Wado Ryu und Shito Ryu, wird viel Wert auf Ästhetik und Distanz gelegt. Die Techniken wurden „versportlicht“ der Fokus ist von „Leben und Tod“ auf das Gewinnen von Tournieren übergegangen. Der Deutsche Karate Verband und andere haben ein genaues Regelwerk erarbeitet, das Karate in ganz Deutschland, in Zusammenspiel mit den weltweiten Standards, standardisiert. So werden schon seit geraumer Zeit auch Weltmeisterschaften im Karate durchgeführt. Bei den Olympischen Spielen 2021 wird Karate erstmals auch als dritte Kampfsportart, nach Judo und Teakwondo eine olympische Disziplin sein.

Im Shihonkin Dojo und anderen Dojos der IOBJF wird das alte Okinawa Kempo Karate weiterhin traditionell mit dem Fokus auf Selbstverteidigung und Effektivität unterrichtet. Wir sind Teil einer weltweiten Gegenbewegung, die dafür Sorge trägt, dass das alte, traditionelle Okinawa Karate bzw. Karate als Kampfkunst weiter existiert. Außerhalb von Okinawa muss man sagen, da es auch heutzutage auf Okinawa noch viele alte Meister der alten Schule gibt, die Karate als Kampfkunst und Selbstverteidigungssystem vermitteln. Auch heute noch, werden dort (und in den Dojos der IOBJF, sowie anderer kleiner Verbände z.B. Shidokan Karate Verband) alte Trainingsmethoden und Anwendungen von Kampftechniken angewandt. Durch Influencer wie Jesse Enkamp gerät das alte Okinawa Karate weltweit wieder in den Fokus und wer weiß, vielleicht wird Karate auch in den Köpfen der Breiten Masse in zwei Varianten existieren. Es bleibt spannend, die Geschichte dieser unglaublichen Kampfkunst geht weiter!